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Eine Leseprobe:

Das Weihnachtsfest

In dieser dummen Pubertät, wenn`s ans Erwachsenwerden geht, man nicht mehr fühlt so wie als Kind, wird man für´s Stimmungsvolle blind. Für Komik öffnet sich der Blick, schaut man auf´s Weihnachtsfest zurück.

Daheim, nach alter Tradition, begann´s beim Mittagessen schon, denn es kam, selbstverständlich frisch, ein Weihnachtskarpfen auf den Tisch. Zu dem lud man Verwandte ein, um traut und familiär zu sein.

Erst flippte Mutter meistens aus, denn Vater war noch nicht zu Haus, von ihm samt Fisch war nichts zu sehen, bald würden Gäste vor ihr stehen!

War er erst da, kam es wie immer; ihr Schimpfen machte alles schlimmer: Wie hätte er sich nur gedacht, dass fischlos sie das Essen macht?

Stets hat sich`s ähnlich abgespielt, und er hat drauf zurückgebrüllt, sie solle selbst es doch probieren, sich Füß´ und Finger abzufrieren, und stundenlang, nicht abzusehn, vorm Fischverkäufer Schlange stehn.

„Geh bitte, tut doch nicht so streiten und diese Kriegsstimmung verbreiten!“ schrie ich, doch statt sich zu bekriegen wurd vorwurfsvoll nur noch geschwiegen.

Zur nächsten Krisensituation kam es beim ersten Gast dann schon, wenn Vater ihn ins Zimmer führte und den Aperitif servierte.

Meist ist drauf sichtlich wutentbrannt zur Küchentür er rein gerannt: so könne man den Tisch nicht decken! Was wolle Mutter denn bezwecken?

Man könne, es sei zum Genieren, mit Gästen so doch nicht dinieren. Wie lieblos sie doch alles täte, was hausfraulichen background hätte.

Grad konnte Mutter noch gelingen, den neuen Ärger zu bezwingen, während der Vater sich mokierte, und dann den Tisch neu dekorierte, doch hatte sie meist ab der Stund was Bitteres um ihren Mund.

Das Dinner konnt ich nie genießen, man trat mich unterm Tisch mit Füßen, Hol dies, hieß es, und dann: hol das, mal war´s ein Messer, dann ein Glas, bis ich zum Essen kam, war halt der oft sehr fette Karpfen kalt.

Indessen sprachen die Verwandten von Leuten, uns meist unbekannten.

Der Onkel Zuwendung erheischte, der Junggesell´, der eingefleischte - ich mein es wörtlich, nicht verächtlich, die Leibesfülle war beträchtlich - er dachte wohl mit Feuerblicken, mich liebes Nichtchen zu beglücken, wenn er so coram publico musterte Busen und dann Po und hinwies, gönnerhaft, verzückend, dabei ein Tortenstück verdrückend, dass ich nicht bräuchte mich zu schämen der Formen, die ich tät annehmen.

Kaum war´n am Platz, wo er gesessen, die Kekse auch schon weggegessen, da sprang er auf flugs und urgierte jetzt sein Geschenk, weils ihn pressierte. Mit herzhaftem zufriednem Gähnen vergaß er auch nicht zu erwähnen, dass er, um heut zu uns zu kommen, sich schwer nur hätte frei genommen.

Und Zeit, um groß herumzulaufen und selbst zum Schenken was zu kaufen, hätt er doch nicht, nein, bitte schön, das müsse man einfach verstehn. Wenn endlich nach der Teller Leerung begonnen hatte die Bescherung, die Lichtlein funkelten im Raum am doch noch aufgeputztem Baum, war es so weit, dass Mutter bleich auf jeden Stern im Baumbereich, da er aus Stroh war, ängstlich guckte, auf den ein Sternspucker drauf spuckte, ein Kübel Wasser stets bereit, aus Gründen der Entflammbarkeit, indes mit Grölen statt Gesang sehr laut das Stille Nacht erklang.

War diese Qual vorbei, fing dann auf die Geschenke an der Run. Die Kinderlein in ihrer Gier zerrissen das Geschenkpapier. Aus Angst, es möge Feuer fangen, ist Oma schier im Baum gehangen. Derlei Verschwendung sie verfluchte, indem von diesem sie versuchte, zu retten, was zu retten war, fürs Weihnachtsfest im nächste Jahr.

Meist nickte noch die Tante ein, schuld war stets ein Zuviel an Wein, oder bejammerte ihr Leid, das Schicksal ihrer Einsamkeit.

Sie lief aus Flucht vor Depression einmal sogar plötzlich davon, hätt wild entschlossen Schluss gemacht in eisigkalter Weihnachtsnacht, nicht ohne sich in Pelz zu hüllen, den letzten Wunsch noch zu erfüllen: ein Zigaretteninhalieren vor dem endgültigen Erfrieren.

Endlich beschloss auf unsre Bitte, zu bleiben doch in unsrer Mitte, sie dieses Mal noch nachzugeben, und uns zu lieb weiter zu leben.

Erst wenn die eignen Kinderlein versuchen dann im Kerzenschein, mit Augen groß wie Untertassen das Weihnachtswunder zu erfassen, auch wenn die Tante deprimiert ist und Onkels G´schenk bereits urgiert ist, mit andren Augen jetzt gesehn, ist Weihnachten doch wieder schön.